"Habt ihr das soweit verstanden?" - Lernstandskontrollen im digitalen Unterricht


Wenn im Klassenzimmer eine neue Grammatik behandelt wird, sieht man als Lehrkraft anhand der Reaktionen der Schüler:innen, ob sie dieses Prinzip verstanden haben. Wenn ein Versuch durchgeführt wird, blickt man in staunende Gesichter. Wenn ein Kind eine Arbeitsanweisung nicht versteht, kann es die Sitznachbar:innen oder die Lehrkraft sofort fragen.

Diese Art der ständigen Interaktion fehlt derzeit – sowohl den Lehrer:innen, also auch den Kindern. Mimik und Gestik vermitteln üblicherweise viele Informationen, welche die Lehrkräfte wahrnehmen – Frust, Verständnis, Langeweile, Interesse, das gesamte Spektrum menschlicher Emotionen wird hier abgedeckt.

Etwas unregelmäßiger, als Form der Rückmeldung sowohl für Lehrkräfte als auch für Schüler:innen jedoch unverzichtbar, sind Lernstandskontrollen. Egal ob benotet, als kurzes “Sehr gut!” oder in Form der Hausaufgabenkontrolle, erfahren die Schüler:innen so, was von ihnen erwartet wird und wie gut sie ein Thema verstanden haben. Gleichzeitig erhalten die Lehrkräfte eine Rückmeldung, ob ihnen die Vermittlung gelungen ist.

Doch auch ohne tagtägliche Interaktion, gemeinsame Hausaufgabenkontrollen und Schulaufgaben ist es möglich, diese Form der Interaktion in den digitalen Raum zu übertragen. Dafür haben wir hier ein paar Tipps gesammelt. Wir gehen hierbei davon aus, dass keine Noten vergeben werden, so wie das in den meisten Bundesländern derzeit gehandhabt wird.

Tipp 1:

Sorgen Sie für Regelmäßigkeit

Wie regelmäßig Sie Ihre Schüler:innen nach einer Rückmeldung fragen kann, hängt natürlich zum einen von der Zahl der Schüler:innen ab (man muss die gewonnenen Informationen ja schließlich auch noch sortieren, verarbeiten und den folgenden Unterricht im besten Fall an diese anpassen können, was bei zu vielen oder zu ausführlichen Rückmeldungen wahrscheinlich eher zu stressig wäre).

Zum Anderen sind verschiedene Art der Rückmeldung natürlich auch unterschiedlich vor- und nachbereitungsintensiv. Auch die tatsächliche Dauer der Durchführung schwankt stark. Zu diesen beiden Punkten soll es aber in Tipp 2 gehen.

Unabhängig von der Art der Lernstandskontrolle gibt es verschiedene Zeitpunkte bzw. Intervalle, die sich dafür gut eignen.

Ein sehr klassischer Zeitpunkt für die Lernstandskontrolle ist zum Abschluss einer Unterrichtseinheit. Diese sollten im digitalen Unterricht beibehalten werden, da sie vor allem für die Schüler:innen wichtige Informationen vermitteln, zum Beispiel was von ihnen langfristig bezüglich dieses Themas erwartet wird, was Grundwissen ist, oder ob sie eine Methode sicher anwenden können.

Aufgrund der fehlenden Interaktion im Unterrichts bietet es sich aber auch an, schon früher um eine kurze Rückmeldung zu bitten, zum Beispiel nach der Einführung einer neuen Grammatik oder Rechenmethode, welche für den weiteren erfolgreichen Verlauf der Unterrichtseinheit entscheidend ist. So werden mögliche Lücken schon frühzeitig erkannt und es kann gegengesteuert werden, zum Beispiel durch weitere Übungen oder Erläuterungen.

Ein dritter Anhaltspunkt für einen guten Zeitpunkt für Lernstandskontrollen ist nach der Behandlung von Stoff, welcher erfahrungsgemäß auch im “normalen” Klassenzimmer für Schwierigkeiten sorgt.

Was macht man aber nun, wenn man gerne regelmäßigere Rückmeldungen hätte, aber schlicht und ergreifend zu wenig Zeit für die gewünschte Frequenz? In diesem Fall bieten sich leichter umsetzbare Methoden der Rückmeldung an, zum Beispiel kurze Umfragen mit Mentimeter oder OnlineTED. Alternativ können Sie auch aufwendigere Methoden, zum Beispiel kurze Telefonate, wählen, diese aber nicht mit allen Schüler:innen, sondern nur mit einem Teil der Klasse durchführen, sodass Sie ein grobes Stimmungsbild der Schüler:innen erhalten. Eine dritte Möglichkeit ist die Nutzung von Selbsteinschätzungsbögen.

Was ist zu tun?

Überlegen Sie sich ein Intervall, dass Ihnen regelmäßig genug ist, um Lücken frühzeitig aufzudecken und gegensteuern zu können. Gleichzeitig sollte es Ihnen aber auch genügend Zeit lassen, um die gewonnenen Informationen verarbeiten zu können.

Tipp 2:

Nutzen Sie vielfältige Möglichkeiten

Verschiedene Arten von Rückmeldungen liefern verschiedene Ergebnisse und sind unterschiedlich zeitaufwendig, soweit entspricht dies noch dem gewohnten Unterricht. Digital sind manche Aufgaben aber deutlich zeitaufwendiger als gewohnt, deswegen möchten wir Ihnen hier einige Ideen vorstellen, wie Sie mit sehr unterschiedlich großem Zeitaufwand nachvollziehen können, was Ihre Schüler:innen schon verstanden haben und wo Nachholbedarf besteht.

  • Fragebögen: Je nach Anzahl der Fragen sind diese innerhalb kürzester Zeit erstellt und liefern von allen Schüler:innen eine kleine Selbsteinschätzung. Für eine möglichst einfach Beantwortung sollten diese in sogenannten “Ca-do-Statements” formuliert werden, also zum Beispiel: “Ich kann bei einem Auge alle Strukturen benennen, die wir durchgenommen haben.”
    Ein Vorteil dieser Statements ist, dass die Schüler:innen erfahren, was von ihnen erwartet wird.
    Ein Nachteil ist, dass das Wissen auf diese Art und Weise nur indirekt abgefragt wird, aber üblicherweise werden die Schüler:innen mit der Zeit besser darin, ihre eigene Leistung einzuschätzen.

 

  • Lerntagebücher & Portfolios: In Lerntagebüchern tragen Schüler:innen regelmäßig ein, was sie gelernt haben, ihre Stärken, ihre Schwächen und weitere interessante Informationen zu diesem Thema. Auf diese Art und Weise lernen die Schüler:innen, ihre Entwicklung selbst einschätzen. Dies erleichtert es ihnen, auf Sie zuzukommen und konkret um Hilfe zu bitten. Für die Lehrkraft entsteht zunächst keine Mehrarbeit, man kann aber natürlich regelmäßig nachfragen, wie es den Schüler:innen so geht und diese können nun sehr konkrete Angaben machen, da sie ihren Fortschritt und ihre Lücken immer dokumentiert haben.
  • Referate: Auch kleine Präsentationen lassen sich über Videochats umsetzen. Die Vorbereitung ist nicht anders als im Klassenzimmer und bei der Durchführung helfen Chatprogramme wie Skype oder Fairmeeting. Die Referent:innen können ihre Bildschirme teilen und auf diesem ihre Präsentation zeigen. Der Rest läuft dann wieder ab wie gewohnt!

 

  • Gruppengespräche: Videochats können Sie auch für Gesprächsrunden nutzen, entweder mit allen Schüler:innen auf einmal, oder in Kleingruppen. In diesen können Sie entweder konkret nach Problemen und Rückmeldungen fragen, die Schüler:innen kleine Aufgaben lösen lassen oder ihnen Stoff näherbringen.
    Gesprächsrunden sind zeitlich allerdings schon deutlich aufwendiger, bringen den Schüler:innen dafür aber im besten Fall einen sehr großen Mehrwert und Sie als Lehrkraft erfahren eine Menge über den aktuellen Kenntnisstand.

 

  • Telefonate: Auch kurze Telefonate mit den Schüler:innen sind möglich. Dies ist vor allem für jüngere Schüler:innen einen Option, die mit Computern noch nicht so vertraut sind. In diesen kann man den Schüler:innen zum Beispiel 2-3 kleine Fragen zum aktuellen Stoff stellen und darüber Protokoll führen. So kann man langfristig die Entwicklung der Schüler:innen nachverfolgen.
    Für die Grundschule könnte man hier zum Beispiel zu drei Fächern je eine Frage stellen, also zum Beispiel in Deutsch etwas vorlesen lassen, in Mathe eine kleine Rechenaufgabe stellen und im Sachunterricht etwas über den aktuellen Stoff fragen.
    Im Sprachunterricht können kleine fremdsprachliche Gespräche geführt werden. Auch “Standardaufgaben” wie Bildbeschreibungen sind möglich: Lassen Sie sich  doch von Ihren Schüler:innen das Cover ihres Lieblingsbuchs, den Blick aus ihrem Zimmerfenster oder ihr liebstes Filmplakat beschreiben! Sie werden erstaunt sein, was Sie alles über Ihre Schützlinge erfahren werden!

Die letzten beiden Punkte sind aufgrund des Zeitaufwands natürlich nicht ständig durchführbar. Dennoch haben sie viele Vorteile: Videochats mit der ganzen Klasse steigern das Zusammengehörigkeitsgefühl auch in diesen Zeiten und Telefonate bringen die Stimme der Lehrkraft zu den Schüler:innen (vor allem für jüngere Schüler:innen sind Lehrkräfte häufig wichtige Bezugspersonen und sie freuen sich dementsprechend häufig über kleine Telefonate!).

Was ist zu tun?

Sie kennen Ihre Schüler:innen am Besten – überlegen Sie sich, welche Methoden Ihre Schüler:innen schon können, was ihnen Spaß macht und was wahrscheinlich für Sie brauchbare Ergebnisse liefert.

Tipp 3:

Konzentrieren Sie sich auf Grundwissen und Kernkompetenzen

Ein kleinerer Punkt, der aber in verschiedenen Bundesländern auch politisch bedeutend geworden ist, ist die Konzentration auf Grundwissen. Grundwissen sind nach dem ISB die “grundlegende[n] fachliche[n] und überfachliche[n] Kompetenzen, die Schüler zur Analyse von Zusammenhängen und zum Lösen komplexer Fragestellungen befähigen” (ISB 2004: 5).

Konzentrieren Sie sich auf das Wesentliche, bringen Sie weniger Details bei und mehr Überblickswissen. Die meisten Lehrkräfte schaffen aktuell nicht so viel Stoff wie normalerweise, das ist in Ordnung, aber nutzen Sie die Zeit und bringen Sie Ihren Schüler:innen die Inhalte näher, die langfristig wichtig sind. Stoff zu streichen kann schmerzhaft sein, vor allem wenn die gestrichenen Aspekte zwar vielleicht für die nächsten Schuljahre weniger relevant sind, dafür aber Ihrer Meinung nach besonders spannend.

Auch Schülerkompetenzen sollten derzeit im Fokus stehen, Aspekte wie selbstreguliertes Lernen, Recherchefähigkeit und die Fähigkeit zum kritischen Denken sollten nun in den Vordergrund gerückt werden.

Auch für die Schüler:innen ist es ungewohnt, dass ihre Leistung nicht regelmäßig überprüft wird und viele müssen erst lernen, was mit “Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir!” gemeint ist. Bringen Sie Ihren Schüler:innen bei, wie man nachhaltig lernt, wie man gut wiederholt, seine Lerntage strukturiert, wie man bewusst sein Wissen vertieft und wie man es dauerhaft sichert. Diese Kompetenzen werden den Schüler:innen sowohl jetzt, als auch in den kommenden Schuljahren eine große Hilfe sein!

Um die Lerner:innen dabei zu unterstützen, zeigen Sie Ihnen, welche Inhalte besonders relevant sind und warum. Präsentieren Sie den Lerninhalt außerdem immer in einem aufeinander aufbauendem System und verknüpfen Sie ihn mit anderen Lerninhalten. Verknüpfungen erleichtern häufig den Lernprozess und die Schüler:innen erhalten so ein “Raster”, an dem sie sich in ihrem selbstreguliertem Lernprozess orientieren können.

Was ist zu tun?

Gehen Sie den Lehrplan konzentriert durch und filtern Sie die Aspekte heraus, die die Basis für die kommenden Jahre bildet. Entwerfen Sie Ihre Unterrichtseinheiten so, dass die Schüler:innen automatisch ihre Lernkompetenzen verbessern.

Tipp 4:

Schaffen Sie ein System

Zu guter Letzt ein Wort zur Ordnung: Häufige Lernstandskontrollen und die besten Umfragen helfen leider nur bedingt, wenn ihre Ergebnisse in Ihrem Kopf miteinander verschwimmen. Nutzen Sie daher auch in diesen Zeiten ein System, um die langfristige Entwicklung Ihrer Schüler:innen nachvollziehen zu können.

Die meisten Lehrkräfte werden wahrscheinlich schon bewährte Systeme haben, seien es Lehrerkalender, in denen Notizen gemacht werden, Beobachtungsbögen für Referate und Abfragen, oder Ähnliches. Auch Möglichkeiten um diese ganzen Informationen strukturiert aufzuheben, werden die meisten schon haben. Dennoch hier ein paar Worte:

  • Falls Sie noch kein System haben, wie Sie Ihre Schülerbeobachtungen sortieren, entwerfen Sie eines! Egal ob ein Standordner oder ein Ordner am Computer, Sie erleichtern sich so langfristig vieles. Und auch wenn es bisher vielleicht manchmal unnötig erschien, bedenken Sie, dass Sie ihre Schüler:innen aktuell nicht sehen und dementsprechend auf die wenigen Informationen, die Sie bekommen, vertrauen müssen.
  • Nutzen Sie bewährte Beobachtungsbögen, die Sie anschließend chronologisch und nach Schüler:in sortiert abheften.
  • Nutzen Sie den sozialen Vergleich, nicht zur Notenvergabe, aber um wiederkehrende Stärken und Schwächen zu entdecken. Solche Muster können Ihnen dabei helfen, Ihre eigenen Stärken und Schwächen in der digitalen Lehre zu entdecken und Ihren Unterricht fortlaufend zu verbessern!

Was ist zu tun?

“Never change a running system.” – Wenn Ihr bisheriges System funktioniert hat und Ihnen gefällt, behalten Sie es ruhig bei! Wenn Sie allerdings das Gefühl haben, dass Verbesserungsbedarf ist, legen Sie ruhig einen ganz neuen Ordner an (digital oder analog) und fangen Sie bei Null an, manchmal ist auch das der richtige Weg.

Fazit

Digitale Lernstandskontrollen sind für alle neues Terrain, aber sie bieten so viel mehr als die reine Kontrolle. Jedes Telefonat, jeder Chat, jedes Videogespräch ist eine Kontaktaufnahme mit Ihren Schüler:innen. Bei jeder Form der Nachfrage, wie es ihnen geht und ob sie Fragen haben, werden sich Ihre Schüler:innen mehr als Personen angesprochen fühlen, als wenn Sie nur wöchentlich Arbeitsaufträge verschicken.

Nutzen Sie dies! Schule ist in erster Linie ein Ort der sozialen Interaktion, im Klassenzimmer und auf dem Pausenhof. Diese fehlt den meisten Schüler:innen aktuell, vor allem, da Hobbys und Treffen mit Freunden ja auch wegfallen.

Mit regelmäßigen persönlichen Interaktionen sorgen Sie ein Stück weit für Normalität und gewohnte Interaktionen, aus denen beide Seiten einen deutlich größeren Mehrwert ziehen können, als die reine Wissensabfrage.