"Hallo hört ihr mich?" - Eine kleine Anekdote aus meiner ersten Online Unterrichtsstunde

"Hallo hört ihr mich?" - Warum antwortet denn keiner?

Eine kleine Anekdote aus meiner ersten Online Unterrichtsstunde, die mir gezeigt hat, dass wir Lehrende noch so viel mehr lernen müssen als nur die Technik.

Die letzten Wochen vor Ostern hatte ich mit intensiver Vorbereitung verbracht, um Lernmodule zu erstellen, Hausaufgaben zu erfinden und Unterrichtsstunden zu kreieren, die in der digitalen Welt funktionieren könnten. Die Technik war in der ersten Zeit mein Endgegner und alles dauerte auf einmal so viel länger, als in meinem analogen Alltag. Umso glücklicher war ich, als die ersten Stunden vorbereitet waren und es losgehen konnte.

Ich schickte meinen Schüler:innen einen Link zu einer Videokonferenz, legte Datum und Uhrzeit fest und lud bereits vorab einige Materialien hoch. Es sollte nichts zu Anspruchsvolles werden, schließlich war es unser erster Versuch. Lediglich eine kurze Einführung in das Programm, ein bisschen Plaudern und mich mal nach dem Ergehen meiner Schützlinge erkundigen – mehr sollte es gar nicht werden.

Irgendwie freute ich mich schon richtig darauf. Vermutlich auch, weil ich meine Klasse schon eine ganze Weile kannte. Eine Gruppe motivierter Schüler, die sich gerne am Unterricht beteiligten und in den Pausen auch mal noch ein Pläuschchen mit mir hielten. Was sollte da noch groß schief gehen?

Die Technik war an diesem Tag auf meiner Seite und der Start des Meetings lief reibungslos ab. Ich begrüßte alle, sagte ein paar Worte und fragte, wie es ihnen in den letzten Wochen ergangen war. Schon hier merkte ich, dass die Kommunikation heute etwas zäh war, nur 3 Schüler:innen antworteten auf meine Frage, dass es ihnen ganz gut gehe –„Es läuft halt so vor sich hin.. mhmh…“

Na gut, dachte ich mir – vielleicht wäre es besser, inhaltlich etwas zu beginnen. Ich erklärte also, wie wir in der folgenden Zeit verfahren würden, zeigte die Struktur meiner Lernmodule, erklärte die Hausaufgaben. Die Stille in der Runde erklärte ich mir in erster Linie durch die auf stumm geschalteten Mikrofone – darum hatte ich sie schließlich zu Beginn gebeten. Als ich mit meinem Informations-Input fertig war, atmete ich durch und sagte „Habt ihr noch Fragen?“. – Nichts. Niemand sagte etwas. Keine einzige Frage zu einem bislang völlig unbekannten Unterrichtskonzept. Und das bei einer Klasse, die sonst immer etwas zu sagen hat, selbst wenn man gar nicht danach fragt. „Könnt ihr mich hören?“ fragte ich, in der Hoffnung das Schweigen läge an technischen Problemen.

Zwei Schüler:innen schafften es nun immerhin in ihre Webcam zu nicken, jedoch geräuschlos. Nach zwei weiteren erfolglosen Versuchen meine Schüler zum Reden zu bekommen, musste ich kapitulieren.

Doch auch nach Beendigung des Unterrichts ließ mich diese Stille nicht los und so saß ich grübelnd in meinem Arbeitszimmer, griff immer wieder nach meiner Teetasse und ließ meinen Blick durch den Raum schweifen. – Bis mir eines klar wurde: Meine Schüler:innen waren weder unmotiviert noch gelangweilt, sie waren schlichtweg verunsichert. Während ich vor einigen Wochen noch am Pult vor ihnen Stand oder am Kiosk im Pausenhof, sitzen sie nun auf einmal virtuell in meinem Zuhause und sie sprechen mit einem Bildschirm. Und auch ich sitze irgendwie in ihren Zimmern. Ich dringe in ihre Privatsphäre ein, ob ich das will oder nicht. Und auch wenn meine Schüler:innen im Alltag keine Mühen scheuten, mir Freundschaftsanfragen auf Facebook zu schicken und zu versuchen, meinen Instagram Account zu finden, so war diese Situation nicht nur etwas ganz Neues, sondern auch etwas, was einen durchaus überfordern kann.

Nicht nur wir Lehrende wissen aktuell in manchen Situationen nicht weiter, sind überfragt mit der Technik und neuen Lernkonzepten, nein, auch unsere Schüler müssen sich mit dieser Situation erst zurechtfinden.

Gerade jetzt in Zeiten, in denen der Unterricht online, im sonst so schnellen Internet stattfindet, müssen wir umso mehr Geduld aufbringen, für uns und für unsere Schüler.


Chancen und Probleme - eine Umfrage der Robert Bosch Stiftung

Chancen und Probleme - eine Umfrage der Robert Bosch Stiftung

Der Digitalpakt, eine langsame Heranführung an den Einsatz digitaler Medien – und dann kam Corona:

Bereits seit einiger Zeit ist die Digitalisierung der Schulen in aller Munde. Schulen stellten bereits die ersten Konzepte auf, WLAN wurde in Räumlichkeiten eingeführt, erste Medienbeauftragte benannt. Deutschland begann sich langsam auf die Digitalisierung des Bildungswesens vorzubereiten – doch diese Maßnahmen beinhalteten keine Schulschließungen oder reines Online Learning.

Quelle: Deutsches Schulportal


Was sagt Deuts
chland heute? Einige Wochen nach den Schulschließungen und in der ersten Woche der Rückkehr der Abschlussklassen?

Die Robert Bosch Stiftung gab eine Studie in Auftrag, in der  vom 2. April bis zum 8. April 1.031 an allgemeinbildenden Schulen unterrichtende Lehrer:innen zur aktuellen Situation befragt wurden. Das deutsche Schulportal hat die Studie grafisch aufgearbeitet und auf ihrer Homepage veröffentlicht.

Das Team von edumentoring.de hat sich die Ergebnisse etwas genauer angeschaut, um unsere Webseite weiter zu optimieren.

In Zeiten der Digitalisierung mag das Ergebnis auf den ersten Blick vielleicht ein wenig schockieren, doch tatsächlich geben 34% der Befragten an, dass weniger als ein Viertel aller Lehrer vor der Corona-Krise regelmäßig mit digitalen Medien gearbeitet hatten. Doch diese Zahl zeigt deutlich, wo wir ansetzen müssen:

Die Kompetenzerweiterung der Lehrenden im Einsatz von digitalen Medien. Das sehen auch über zwei Drittel aller Befragten so. Hierfür müssen zunächst die Grundlagen geschaffen werden. Lehrer:innen müssen sich erst technische Fähigkeiten aneignen, bevor sie mit dem digitalen Unterricht starten können. Die anfänglich vorhandene Unsicherheit hemmt die Kreativität in der Umsetzung. Nur wer sich technisch fit fühlt, hat die nötige Motivation und kann seinen digitalen Unterricht mit gutem Wissen und Gewissen halten.

Quelle: Deutsches Schulportal

Deutlich wird in der Studie außerdem, dass der Mehrwert von Lernplattformen noch nicht überall bekannt ist. 79% der Lehrer:innen nutzen aktuell ihr Standard-Mail- Programm zur Kommunikation mit Schüler:innen. Auch bei der Übermittlung von Unterrichtsmaterial greifen noch nicht alle Lehrer:innen auf diese Tools zurück. Lediglich 41% nutzen bereits Lernplattformen (wie z.B. Moodle, iServ, Ilias) um ihr Material zu teilen. Wir sind der festen Überzeugung, dass Lernplattformen den Arbeitsalltag im digitalen Unterricht wesentlich erleichtern und möchten aus diesem Grund hier ansetzen und Lehrer:innen schrittweise in die Thematik einführen.

Quelle: Deutsches Schulportal

Für 21% der Lehrer:innen stellt in der aktuellen Situation auch das Erstellen von geeigneten Unterrichtsmaterialien eine Herausforderung dar. Das Ergebnis zeigt sich in der Form der verwendeten Materialien: 84% nutzen Arbeitsblätter für ihre Schüler:innen. Immerhin 39% arbeiten bereits mit Erklärvideos. Unsere Erfahrung zeigt, welche erstaunliche Wirkung das visuelle Lernen erbringen kann und wir möchten weiterhin Lehrer:innen unterstützen selbst aktiv zu werden und Lernvideos zu produzieren.

Dass jedoch nicht alles schlecht ist an der aktuellen Situation, zeigt der Abschluss der Studie, in dem Lehrer:innen befragt werden, welche Auswirkungen die Corona-Krise auf die Zukunft der Lehre haben wird. Über zwei Drittel geben an, ihre Schüler:innen ab sofort mehr darauf vorzubereiten, Verantwortung für ihre Lernprozesse zu übernehmen. Ebenso sind sie der Überzeugung, dass diese Krise einen enormen Anstoß im Bereich der digitalen Bildung bewirkt hat, den es andernfalls in dieser Form nicht gegeben hätte. Knapp die Hälfte der Befragten möchte digitale Medien auch in Zukunft im Unterricht nutzen.

Auch Lehrende sehen die Corona-Krise trotz aller Schwierigkeiten als Chance – und wir tun das auch. Aus diesem Grund werden wir weiter arbeiten, um so vielen Lehrer:innen wie möglich durch unsere Formate Unterstützung zu bieten.

Link zur Lehrer-Umfrage des Deutschen Schulportals